Gezwirbelt war die Mütze

Ein Käuzchen beobachtet

Das weiße Käuzchen fuhr erschreckt zusammen, spreizte seine Flügel und flatterte, um nicht von seinem Ruheast zu fallen. Es hatte geträumt, jemand habe verzweifelt geschrien. Aber – da war ja wieder dieser durchdringende Schrei! Also war es kein Traum gewesen. Mit großer Anstrengung öffnete das Käuzchen das rechte Auge und war vom Tageslicht im ersten Moment wie geblendet. Kann man denn nicht mal am hell-lichten Tag in Ruhe schlafen!, dachte es empört bei sich. Alle Eulenvögel sind nun mal in der Nacht munter und können nur bei Dunkelheit besonders gut sehen. Das Schreien unter dem Baum des Käuzchens nahm kein Ende und ging in bitterliches Weinen über. Der weiße Nachtvogel seufzte und öffnete auch das linke Auge.
Nach einer Weile hatte er sich an das Sonnenlicht gewöhnt und lugte durch die Zweige nach unten zum Waldboden.
Ach, die zwei Kleinen sind es“, murmelte er, „die kenne ich doch.“
Er erkannte ganz deutlich die beiden Jüngsten der Zwergenfamilie, die er seit langem so gern beobachtete, wenn sie abends gemütlich draußen vor der Höhle saß. Was mochte wohl der Grund für ihre Verzweiflung sein? Im selben Augenblick war ihm klar, was geschehen sein musste, denn er sah zwar zwei Zwerge, aber nur einer hatte die übliche rote Mütze auf dem Kopf. Gleichzeitig nahm er ein höhnisches Gekrächze hoch über sich wahr. Diese gemeinen Stimmen kannte der Waldkauz: Das konnten nur Raben sein! Und richtig, gerade noch war etwas schwarzes Gefiedertes zu sehen mit etwas Rotem im Schnabel, dann war es hinter den Baumkronen verschwunden, das heisere Kra-Kra wurde leiser und entfernte sich.
Nein, das darf nicht wahr sein“, murmelte er voller Sorge, „wie soll man denn jetzt erkennen, dass der Kleine ein Zwirbelzwerg ist!“

Vier Eichhörnchen

Nachdem Gunrig und Henrig eine mühsame Strecke in der empfohlenen Richtung zurückgelegt hatten und ihre Beine anfingen wehzutun, fiel ihnen auf einmal wieder ein, was ihnen das Käuzchen zum Abschied zugerufen hatte: Sie sollten sich an die Eichhörnchen wenden, wenn sie Hilfe brauchten. Aber so sehr sie auch die Baumwipfel mit ihren Augen absuchten, nirgendwo war ein buschiges Schwänzchen zu entdecken. Gunrig erinnerte sich daran, wie sein Vater die Eichhörnchen rief, wenn er ihre Hilfe zur Erntezeit brauchte.
So legte auch er seine Hände trichterförmig an den Mund und rief ein lautes „Keck-keck- keck, Keck-keck-keck!“ in den Wald hinein.
Die Zwerge lauschten angestrengt und verhielten sich reglos. Wie still es hier war! Sie warteten. In der Ferne war auf einmal der Ruf eines Eichelhähers zu vernehmen. Hatten sie richtig gehört? Er klang doch wie:
„Jemand in Not! Macht euch auf den Weg!“
Aber die kleinen Zwerge waren nicht sicher, die Stimme kam von zu weit her.
Nun rief Henrig noch einmal: „Keck-keck-keck, keck-keck-keck!“
Wieder horchten sie. Von irgendwoher hörten sie das Knacken von Zweigen und ein leises Getrappel, das rasch näher kam, begleitet von schnalzenden Stimmen. Atemlos vor Spannung blickten die Zwerge nach oben in die Tannenzweige über ihnen, und schon rasten gleich vier Eichhörnchen auf einmal den Stamm des Baumes herunter.

Die Kalte Frau

Und dann hörten sie es beide. Jemand kam näher. Kam immer näher. Begleitet von einem Klingeln kamen langsam schlurfende, rasselnde, scheppernde Schritte auf ihr Versteck zu. Sie hielten den Atem an und bewegten sich nicht. Das Schlurfen hielt einen Moment inne, jemand schimpfte krächzend vor sich hin, dann näherte es sich mit immer lauter werdendem Gerassel. Da! Ausgerechnet vor dem hohlen Baum stoppten die unheimlichen Schritte! Etwas Unförmiges befand sich nun direkt vor der Öffnung des morschen Erlenstamms, ließ sich ächzend nieder und verwandelte den Hohlraum, in dem sich die Zwerge verbargen, in ein pechschwarzes Loch. Nun schlugen die beiden Zwergenherzen im Takt vor Spannung, und vor Kälte bibbernd stießen ihre Zähne aufeinander.
Aus Sorge, dieses Klappern könnte sie verraten, tastete Gunrig hinter sich und zog etwas von dem morschen Holz ab, um es sich und Henrig zwischen die Zähne zu stecken. Sie begriffen natürlich, wer sich da sozusagen vor ihrer Nase zum Ausruhen niedergelassen hatte.
 
Das konnte nur Nevera sein, die jetzt mit knisternder Stimme vor sich hin raspelte. Zuerst konnten sie kein Wort verstehen, doch nach einer Weile hatten sie sich an die rasselnde Sprache der Kalten Frau gewöhnt.
„Hä-hä-hääh, der Grobian, wird immer dicker und dümmer, merkt nicht, dass nur noch Eine fehlt …“, hörten sie.

Eine Mütze?

Henrig wurde wach. Wohlig räkelte er sich unter der molligen Decke und wartete darauf, dass Ylma ihn wecken käme. Dabei stieß er gegen einen Körper. Er öffnete seine Augen einen Spalt: Was machte denn Putzig in seinem Bett, warum war er nicht in seinem eigenen geblieben? Dann fiel es ihm wieder ein: Ach ja, richtig, sie waren ja in der Höhle des Gorux! Er beugte sich zu seinem Bruder hinüber und sah ihn noch in festem Schlummer daliegen. An ihrer Nische vorbei reichte ein Lichtstrahl bis in die Höhle hinein. Leise kroch Henrig unter der Felldecke hervor und bewegte sich so weit nach vorn, bis er vor der Höhle helles Tageslicht erkennen konnte.

Im Morgensonnenschein saß dort die Zwergin wieder auf dem Stein und kämmte mit den Fingern ihr Haar. Dunkel war es und reichte ihr bis über den Rücken. Geschickt teilte sie es und flocht sich an jeder Seite einen Zopf. Im linken Zopf zog sich von der oberen Kopfpartie bis hinunter in die Spitze eine helle Strähne. Wie sonderbar!

Was in der Mütze steckt

Heimlicher Aufbruch

Ein aufgebrachtes Krächzen schallte durch den Wald, aus dem sich noch kaum die Dunkelheit der Nacht verzogen hatte. Die Köpfe zweier Zwergenjungen fuhren überrascht herum. Die krächzenden Stimmen vieler Raben! Raben? Hier? Um diese frühe Morgenstunde? Wie ungewöhnlich! Und doch war es so. Sie sahen es mit eigenen Augen: Ein Schwarm schwarzer Vögel zog lärmend unter tief hängenden Wolken dahin, sie kreisten kurz darauf dicht über den Baumkronen und schossen auf einmal wie dunkle Pfeile herab. Die Zwergenkinder blickten sich verunsichert an. Von der Wurzelhöhle hatten sie sich noch nicht weit entfernt und dort, wo die Raben gelandet sein mussten, konnte sich auf keinen Fall der gezackte Felsen befinden, auf dem sie in unzähligen Nestern lebten.
„Da stimmt etwas nicht“, murmelte Gunrig vor sich hin. „Der Felsen liegt doch von hier aus hinter der Schule, und selbst die haben wir bis jetzt noch gar nicht erreicht!“
Henrig hob erstaunt die Augenbrauen. „Die dummen Raben sind wohl völlig durcheinander. Haben ihren eigenen Felsen nicht wiedergefunden, wie? Das geschieht diesen gemeinen Dieben recht!“
Gunrig und Henrig, die jüngsten Söhne der Zwirbelzwergenfamilie, die in der Wurzelhöhle unter der großen Eiche am Bach wohnte, waren schon in aller Morgenfrühe heimlich aufgebrochen. Ihre Eltern und die fünf größeren Brüder, von denen sie meistens liebevoll Putzig und Winzig gerufen wurden, waren zum Glück nicht wach geworden, als sie leise die Höhle verließen. Den beiden Jungen war klar, dass dies niemand zugelassen hätte, denn schließlich waren sie am Abend zuvor nach aufregenden Abenteuern gerade erst wieder bei ihrer Familie angekommen. Wie erleichtert waren alle über das unverhoffte Wiedersehen gewesen, doch erst recht hatte es Jubel gegeben, als die Jungen von ihrer Freundin Zöpfchen erzählten, die sie in der Höhle des Gorux kennengelernt hatten. Von Zöpfchen, dem Zwergenmädchen mit der auffälligen blonden Strähne im Haar, dem sie wegen ihrer beiden hübschen Zöpfe diesen Namen gegeben hatten. Gerade diese helle Strähne war der sichere Beweis für die Eltern und Brüder gewesen, dass die zwei Jüngsten, ohne es zu ahnen, die seit Langem vermisste Tochter und Schwester entdeckt hatten. Von einem Großwicht war sie als kleines Zwergenmädchen geraubt worden, als die Familie noch fern von hier gemeinsam mit anderen Zwirbelzwergen im Lichten Tal lebte. Der helle Flaum im ansonsten dunklen Haar war schon damals ihr besonderes Merkmal gewesen.

Ausgerechnet Zöpfchen sollte nun ihre Schwester sein? Wenn sie das gewusst hätten! Warum hatte ihnen bis dahin denn niemand erzählt, dass es überhaupt eine Schwester gab? Weshalb sich die Großen nicht gleich am folgenden Tag auf den Weg machen wollten, um Fieline, wie sie in Wirklichkeit hieß, heimzuholen, konnten die beiden nicht verstehen. Dabei war allen klar: So schnell wie möglich sollte sie aus der Goruxhöhle befreit werden und endlich hier mit ihrer Familie in der Wurzelhöhle leben. So schnell wie möglich? Vom nächsten Vollmond war die Rede gewesen. Nein, so lange wollten Winzig und Putzig auf gar keinen Fall warten!
Voller Ungeduld hatten sie noch am Abend unbemerkt ihre Bündel gepackt und waren schon wieder unterwegs zu der Höhle in den Roten Bergen. Niemand konnte schließlich besser wissen als sie selbst, wie man dort hinkam und wie wieder zurück. So und nicht anders würde es ihnen auch dieses Mal gelingen. Ach, wie sehr sich Zöpfchen wohl freuen würde, wenn sie all die wunderbaren Neuigkeiten erfuhr! Wenn Fieline nicht gewesen wäre, hätten sie Henrigs Zwirbelmütze nicht wiedergefunden, die ein Rabe ihm gestohlen und in der Höhle unter dem schweren Körper des Gorux versteckt hatte. Weshalb sich ausgerechnet Raben für eine Zwirbelmütze interessierten, konnten sich weder Winzig noch Putzig bislang erklären.

Besuch aus Stein

Kapetrig nahm seine schwer gewordene Mütze vom Kopf, denn der weiche Filz hatte sich mit Regenwasser vollgesogen. Der Zwergenvater rollte die Mütze eng auf, presste einen Teil des Wassers heraus und zog es vor, sie aufgerollt in der Hand zu halten. Er wusste, später würde sie in der Wärme am Höhlenofen rasch trocknen. Nun stand er mit bloßem Haupt gegen den Stamm der Eiche gelehnt, sah zum Himmel und in den Wald hinein.
Dann, plötzlich, konnten seine Augen gar nicht auf einmal erfassen, was da mit Getöse auf ihn zukam. Lauter runde Steine in den verschiedensten Farben und Formen rollten auf die mächtige Eiche zu, unter der Kapetrig vor Schrecken erstarrte und seine Hände hinter sich gegen die Rinde des Stammes presste. Die Steine kamen polternd nah heran, bis sie in einem Halbkreis vor ihm lagen. Rollende Steine? Nein, so etwas hatte er noch nie gesehen! Während er noch grübelte, rollten drei der fremdartigen Gebilde bis auf wenige Schritte vor ihn und erhoben sich. Als sie auf dünnen Beinen schwankend vor ihm standen und auf einmal Gesichter in den Steinen erkennbar waren, erinnerte er sich endlich.
„Steinlinge?“ Seine Furcht schwand und er sah sie jetzt aufmerksam an.
„Gestatten, jawohl, die sind wir!“, antwortete ein fleckiges Exemplar mit tönerner Stimme.
„Wenn’s genehm ist?“, dröhnte ein größerer Steinling mit breitem Kinn.
„Wir kennen uns doch?“, wandte sich Kapetrig an einen mit gelblicher Verfärbung und auffälligen Kerben, der sich bisher schweigend zurückgehalten hatte.
Vor langer Zeit, fast einer Ewigkeit, so kam es Kapetrig vor, war er diesem im Lichten Tal begegnet. Alle Jahre im Herbst gab es in ihrem Heimatdorf einen Tauschmarkt, auf dem sie, die Zwirbelzwerge, ihre angebauten oder gesammelten Früchte und Kräuter anboten, wenn sie mehr geerntet oder gefunden hatten, als sie selbst verwenden konnten.

Ist Görda zu trauen?

„Wo hätten wir denn nichts zu befürchten? Kannst du uns das bitte sagen?“, fragte Gunrig.  
„Wo ihr grauen Zwerge in Sicherheit seid? Na, in diesen unruhigen Zeiten eigentlich nur auf der anderen Seite, glaubt mir. Pööhh!“ Görda schüttelte ihren glänzenden Schädel und wiederholte: „Nur auf der anderen Seite, so wahr ich hier sitze, glaubt’s mir!“
„Auf welcher anderen Seite?“, fragte Henrig unsicher. „Auf der anderen Seite von was denn, bitteschön?“ War das wieder zu unhöflich gewesen?
Putzig fügte vorsichtshalber beschwichtigend hinzu: „Du bist die klügste Kröte, der ich jemals begegnet bin. Bestimmt kennst du dich hier im Moor besser aus als sonst jemand.“
Geschmeichelt von diesem Kompliment schien Görda ein Stück in die Höhe zu wachsen und bedachte Putzig mit einem Blick aus vor Stolz glänzenden Krötenaugen.
„Vielleicht kannst du uns genauer erklären, wohin wir gehen müssen?“, nutzte er diese günstige Gelegenheit. „Ich meine, nachdem wir im Dorf der Gr…, also, ich wollte sagen, in unserem Dorf angekommen sind.“
Gördas Augen hingen immer noch an Putzig, wanderten an seiner Gestalt auf und ab, dann langsam zu Winzig, kehrten wieder zu ihm zurück. Ob ihr die wiederholten Versprecher der beiden aufgefallen waren? Oder die rundliche Körpermitte bei den Jungen, dort, wo sich die Zwirbelmützen im Hosenbund befanden? Schöpfte sie Verdacht? Ihr Gesichtsausdruck blieb jedoch unverändert freundlich, fast mitleidig.
„Wollt ihr wirklich zu eurem Dorf?“
Die Brüder nickten so ernsthaft und entschlossen, dass sie zwar verständnislos den Kopf schüttelte, aber in gutmütigem Ton fortfuhr:
„Na schön, wenn ihr es euch in den Kopf gesetzt habt, dann folgt mir. Geht genau auf meinen Spuren, dann werdet ihr nicht versinken. Wie du vorhin sehr richtig gesagt hast, Bürschchen“, sie blinzelte Gunrig immer noch geschmeichelt an, „kenne ich mich hier am allerbesten aus.“

Rillen am Ufer

Die Sonne hatte es endlich geschafft. Nach den grauen, vergangenen Tagen war ihr warmes Licht durch die Wolkenschicht geschlupft, es zauberte ein Glitzern auf die Wellen des Flusses, brachte das Moor zum Dampfen und glitt wie ein Pinsel über das Gebirge, um es rötlich anzumalen. Selbst auf den Gesichtern der Zwergenbrüder erschien ein Lächeln, ohne dass sie sich besonders darum bemühten. Auf dem Uferweg gingen sie bequem nebeneinander jeder in einer Rille über plattgewalztes Gras und freuten sich, wie rasch sie vorankamen. Das Brausen schien jetzt sehr nah und sie erwarteten jeden Moment, den Wasserfall zu Gesicht zu bekommen. Ob die Wolke aus funkelndem Wasserdunst, die vor ihnen aufstieg, schon mit ihm zusammenhing?